Zum Archiv >> 2005 © www.berlin-gospel-web.de


"Dabei sein ist alles"

Nachklang zum Gospel Award 2005

Von Mario Gugeler
gugeler@berlin-gospel-web.de gugeler@berlin-gospel-web.de


 


Sängerinnen und Sänger des Berlin Mass Choir im ICC. (Foto: Melina Jenke)



"Wunderbare Chöre, ergreifende Gospelsongs, nur die Moderation ist gewöhnungsbedürftig", schreibt ein Gospelfan aus Berlin. Aus den Reihen des jungen Brandenburger Gospelchors "Sing and Joy" heißt es: "Es war einfach spitze und außerdem bin ich glücklich darüber, bei so etwas teilnehmen zu dürfen" oder "die Organisation war super, das Feeling Klasse". Und Martin Hunger vom Jugendgospelchor Adlershof berichtet, dass sich selbst Tage nach dem "großartigen Ereignis" Freunde und Bekannte bei ihm meldeten, die ihn (als Mitsänger des Berlin Mass Choir, Anm. d. Redaktion) auf Bibel TV gesehen hätten. "Aus der Stimmung meiner Gäste heraus kann ich mit Gewissheit sagen, dass dieses Gospelfest nicht nur für die Mitwirkenden, sondern auch für das Publikum im Saal und an den Fernsehern eine Erfahrung war, die sich nach meiner Meinung unbedingt auch im größeren Rahmen wiederholen sollte", so Hunger.

Keine Frage, der Gospel Award 2005 hat für Begeisterung in der Berlin-Brandenburger und bundesweiten Gospelszene gesorgt. Fünf Chöre und eine Solistin konnten rund 4.000 Zuhörern im Berliner ICC und wahrscheinlich einigen hundert vor dem Fernseher (Bibel TV) und dem Internet-PC (Live-Stream auf www.Sound7.de) zeigen, welch musikalische Vielfalt und Professionalität sich im deutschen Gospel tummelt. Und auch der Sieg der Münchener Gospelsterne wurde allerorts wohlmeinend aufgenommen. Anders als im Vorjahr, als angesichts der Wahl von Felicia Taylor in Bochum auf einigen Seiten der Vorwurf der Manipulation laut wurde. Bei den Gospelsternen waren sich nun alle einig. Die Gruppe mit der besten Bühnenpräsenz, den besten Solisten und dem besten Song hat gewonnen. Spezieller Bonus für Gospelsterne-Leiter Eric Bond und seine Sänger war sicherlich der deutsche Text und die klare Botschaft des Wahl-Münchners: "Singt das, was euch wichtig ist, in eurer Muttersprache, dann verstehen es die Leute auch". Eine wichtige Botschaft, die möglicherweise tausende dazu animiert, es mal auf deutsch zu probieren.



Die Sieger 2005: die Gospelsterne aus München. (Fotos: www.gospelaward2005.de)

 

Doch trotz dieser Message und einem Gesamteindruck der Show, die keinesfalls das Christliche an der Gospelmusik herunter zu spielen versuchte, regt sich in Gospel-Deutschland auch Kritik am Konzept des Gospel Award und daran, wie er schon zum zweiten Mal massenwirksam inszeniert wurde. Grundsätzliche Zweifel an der Wettbewerbsidee kommen aus Krefeld. "Ich halte gar nichts davon", sagt Angelika Rehaag von der "Gospel Academy". Wenn man Gospelmusik aus inhaltlichen Gründen singe, so wie es eigentlich gedacht sei, würde es sich um einen Wettbewerb "Wer betet am Besten?" handeln, meint die Initiatorin des Krefelder Gospel Musik Festivals und Leiterin zahlreicher Gospelchöre. "Da bei solchen Wettbewerben sicherlich niemand bewerten kann, wer hier auch tatsächlich das meint, was er oder sie singt, ist die Bewertungsgrundlage sehr fragwürdig", sagt Rehaag. In den USA gebe es zwar auch Gospel-Wettbewerbe, dort aber, so die Black Gospel Expertin, die jedes Jahr Künstler aus den Staaten nach Krefeld einlädt, werde nicht die Leistung der Aufführenden bewertet, sondern die Kompositionen.

Anderer Meinung hinsichtlich des Wettbewerbsgedankens ist Chorproduzent und Komponist Jochen Rieger ("Choir Fire"): "Ich finde es gut, dass sich Gospelchöre in einem Wettbewerb messen". Seiner Meinung nach ist der Gospel Award jedoch noch zu wenig bekannt. Viele Chöre wüssten gar nichts davon, so Rieger.

Eggo Fuhrmann vom Gospelchor Lüneburg teilt Rehaags Einschätzung in Bezug auf die zweifelhafte Bewertung des gesungenen Evangeliums. Wenn aber schon Wettbewerb im Sinne der musikalischen Qualität, so Fuhrmann, dann sollte es auch konsequent und fair zugehen. Seiner Meinung nach waren nämlich die einzelnen Gruppen kaum miteinander vergleichbar. Als Lösung schlägt Fuhrmann eine Einteilung in Kategorien vor, zum Beispiel in "Traditional Gospel", "Contemporary Gospel" und die Unterscheidung von "freien" Chören und Gemeindechören. Solisten und Ensembles müssten jeweils eine weitere Kategorie bilden.

Der evangelische Popmusikbeauftragte Berlins, Pfarrer Rolf Tischer, lehnt den Gospel Award in seiner jetzigen Form aus einem bestimmten Grund ab. Seiner Ansicht nach ist der Award als Show-Event eine "bessere Variante des Volksmusikantenstadls oder der Hitparade". "Mir liegt der Gospel am Herzen, der Menschen zum aktiven Lobpreis Gottes bringt - und das passiert vor Ort mehr als vor dem Fernseher", sagt Tischer, der seit neun Jahren das Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen organisiert. Und noch einen anderen Aspekt spricht er an: "Ob die Jury wirklich Gospel beurteilen kann, möchte ich bezweifeln - aber Professionalität und Vermarktbarkeit auf alle Fälle". Ein ausgewiesener Kenner der bundesdeutschen Gospelszene setzt noch einen drauf: "Das hat nichts mehr mit Gospel zu tun, sondern ist herabgestuft worden zu 'Deutschland sucht den Gospelstar'".




Die Juroren im Gespräch mit Moderator Wolfgang Kons, v.l.n.r.: Mola Adebisi, Thomas Stein und Heinz-Rudolf Kunze. (Fotos: www.gospelaward2005.de)

 

Uwe Thien vom Gospelchor "Marvelous Praise" äußert sich ebenfalls zur Jury: "Dass diese Damen und Herren tatsächlich die Chöre ausgewählt haben, glaubt niemand mehr", sagt der Gospelfan, der auch beim Finale im ICC dabei war. Einen Erklärungsansatz dafür, dass es für die Juroren Thomas Stein, Heinz-Rudolf Kunze und auch Mola Adebisi trotzdem wichtig war, dabei zu sein, liefert Elmar Schütze in der Berliner Zeitung. Er bezeichnete die drei als "Versammlung von Ex-en" - Ex-Promis nämlich, nach denen im Show-Business kein Hahn mehr kräht. So irrsinnig es auch klingen mag, gerade der Gospel Award bedeutete Öffentlichkeit für sie. Warum die Juroren aber bei der Gala im ICC dabei waren, bleibt wohl das Geheimnis der Produzenten. "Die sehr kurzen Statements der Jury wären sehr gut entbehrlich gewesen", bemerkt Alexander Riede vom 80-köpfigen "Modern Gospel Choir".

Ob die Promis nun aber Grund dafür sind, dass das Berliner ICC, immerhin einer der größten Säle der Hauptstadt, mit fast 4.000 Zuschauern gut gefüllt war, sei dahingestellt. Ein Erfolg für die Veranstalter, die Initiative Gospel, war's in jedem Fall. Denn eine solche Menschenmenge für ein Event zusammen zu bekommen - das muss erst noch mal jemand nachmachen. Dass dabei auch mit Tricks gearbeitet wurde, kann man sicherlich verzeihen, denn die Karten waren nun wirklich nicht teuer. Natürlich saßen im ICC nur deswegen an die 4.000 Zuschauer, weil im Vorfeld eine große Menge an Karten zum Dumpingpreis an die Finalistenchöre und im Paket an Berliner Firmen abgegeben sowie großzügig verlost wurden. "500 Tickets haben allein die Berlin Star Singers an ihre Fans verkauft - für drei Euro das Stück", sagt ein Kenner der Berliner Gospelszene. An dieses Vorgehen, das im Pop-Business absolut üblich ist - schließlich muss man die Sponsoren durch gut gefüllte Hallen bei Laune halten -, muss sich die brave Gospelszene sicherlich erst gewöhnen. Immerhin kamen durch den Kartenverkauf für das Projekt der Hilfsorganisation World Vision 2.232 Euro zusammen.



Das Publikum im ICC. (Foto: www.gospelaward2005.de)

 

Das gleich drei der Finalisten aus Berlin kamen, sorgte bei vielen deutschen Gospelfans allerdings für Verwunderung. Es bliebe der Eindruck, dass dahinter eine Promotionstrategie stecke, um die Berliner Fans zu mobilisieren, bringt es Uwe Thien auf den Punkt. Dem widerspricht Gospel Award-Produzent Gerd Knuth vehement: "Wir kennen den Vorwurf. Doch ich kann versichern, dass die Juroren nicht wussten, woher die Gruppen kommen, mit Ausnahme, dass es bei den Berlin Star Singers der Name verrät", sagt Knuth im Interview mit dem Berlin Gospel Web.

Einen ganz anderen Aspekt spricht Eva-Maria Müller an. Sie hat ebenfalls im Mass Choir mitgesungen und sieht den Show-Charakter des Gospel Awards kritisch. "Ein derartiger Wettbewerb ist vielleicht kurzfristig 'reißerisch', trägt aber nicht dazu bei, die christliche Botschaft bodenständig zu transportieren. So ein Event ist eines von vielen 'Attraktionen', die schon morgen vergessen sind", sagt Müller.

Dass der Gospel Award als massentaugliche Show konzipiert wurde, die sich die Beliebtheit von Gospelmusik zunutze macht, daran besteht wohl kein Zweifel. Aber ist das per se verwerflich? Die deutsche Gospelszene ist nun mal keine geschlossen christliche Gemeinde, die nur den "echt gläubigen" als wahrhaften Gospel-Interpreten akzeptiert. Der Hamburger Pianist Hanjo Gäbler, beim Gospel Award 2004 selbst Mitglied der Award Band, sieht das Problem denn auch darin, dass Gospel in Deutschland in den meisten Fällen nicht "verkündet", sondern lediglich als Musikstil behandelt wird. Als Musikstil könne er sich dann auch messen lassen, solange die Botschaft nicht auf der Strecke bleibe, so Gäbler. Wie eingangs erwähnt, ist das beim Gospel Award nicht der Fall. Beinahe alle auftretenden Künstler gaben ein Bekenntnis ab, die christliche Botschaft wurde keineswegs an den Rand gedrängt. Schließlich sind auch nicht ohne Grund die beiden großen Kirchen mit im Boot.

Schade nur ist eines: Dass der Gospel Award in Sachen Licht- und Tontechnik schon zum zweiten Mal diesem professionellen Show-Image nicht gerecht geworden ist. Von katastrophaler Chorabnahme und laienhafter Lichttechnik berichten viele, die dabei waren. Da wurden Mikros viel zu spät hochgezogen, wenn Solisten singen wollten, Gesichter lagen aufgrund fehlerhafter Ausleuchtung halb im Schatten und manche Chöre waren so gut wie gar nicht zu hören. Alles Probleme, die jeder Gospelchor kennt, und die immer wieder verziehen werden, weil meist das Technikbudget zu gering ist. Aber genau diese Probleme will man bei einer Show-Veranstaltung wie dem Gospel Award nicht erleben.

"Bei einem Event dieser Größenordnung muss es doch möglich sein, den Aufwand, der für Deko, Organisation etc. betrieben wird, auch auf die Beschallung zu übertragen und die Chorverstärkung in professionelle Hände zu legen", sagt Christian Lerch von "Kirchenwind". Und Modern-Gospel-Choir-Leiter Alexander Riede ergänzt in Anlehnung an seine Kritik an der Jury: "Das gesparte Geld für Jurykosten hätte man getrost in eine kompetente Crew am Mischpult bzw. bessere Chormikrophone (Einzelmikros?) stecken sollen". Produzent Gerd Knuth räumt ein, dass es Tonprobleme im Saal gab. Die Firma, die für die Technik zuständig war, habe dennoch angesichts der großen Anforderungen gut gearbeitet, betont er.

Wie geht's nun weiter mit dem Gospel Award? Laut den Produzenten, der Hamburger Beratungsfirma NeuSehLand TV, soll es den Award auf jeden Fall auch 2006 geben. "Ich persönlich habe eine große Sympatie dafür, in Berlin zu bleiben, eventuell auf der Popkomm. Aber die Entscheidung treffe ich nicht allein", sagt NeuSehLand-Chef Gerd Knuth.

 


Die Berliner Gospelszene im Rampenlicht: Berlin Mass Choir im ICC. (Foto: Melina Jenke)

 

Bei aller auch berechtigten Kritik am Konzept und der bisherigen Umsetzung des Awards bringen zwei Statements noch einmal auf den Punkt, was sicherlich viele empfinden.

So schreibt Gabi Sobiech: "Ich denke so ein Gospelaward ist eine Möglichkeit, dem Publikum auf hohem Niveau Gottes Botschaft im Lied zu vermitteln. So sollten sich auch die Interpreten verstehen als Werkzeug Gottes, ihr Bestes geben. Schlimm wird es erst, wenn der Sängerwettstreit in einen Machtkampf ausartet und sich die Beteiligten als Gewinner und Verlierer fühlen müssen. Auch wären für mich horrende Siegerprämien und eventuelle Plattenverträge unchristlich. Es soll den Teilnehmenden einfach Spaß und Freude machen zu singen und einander kennenzulernen ohne den Konkurrenzgedanken. Man sollte sich an der Vielfalt der vorgetragenen Musik freuen, die Interpreten und das Publikum."

Und Burkhard Hoffmann ergänzt: "Die Freude über eine solche Veranstaltung, unter dem Moto ‚Dabei sein ist alles!', so wie die Tatsache, dass alle Gospler eine Familie sind, dass man immer wieder jemanden trifft, den man von Workshops oder Konzerten kennt, dass es sogar möglich ist, 350 Gospelsingende dazu zu bewegen, in eineinhalb Tagen fantastische Stücke mit schnellen Texten sogar mit Choreographie zu lernen, das ist der bleibende Eindruck. Das nehme ich mit in den Alltag und summe und singe auch bei schwerer Arbeit".


Mehr zum Gospel Award im Interview mit dem Produzenten Gerd Knuth >>





Zum Seitenbeginn 2005 © www.berlin-gospel-web.de