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Gospelsingen nach dem 11. September

Das 5. Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen fand trotz des Terrors statt

Von Ulrike Urner
uli.urner@bigfoot.de uli.urner@bigfoot.de



Dienstag, der 11. September 2001

Das World Trade Center und Teile des Pentagon werden bei einem terroristischen Anschlag aus der Luft zerstört. Die Zeit bleibt stehen. Tausende Menschen werden ermordet, Hunderte verletzt. Verzweiflung und Angst sind die beherrschenden Gefühle der nächsten Tage.

Dann ticken die Uhren wieder. Und sie ticken anders als vorher. Viele verfallen in Aktionismus, viele sind wie gelähmt. Es gibt Lichterketten, Kriegsdrohungen, Kondolenzlisten und Prügeleien. Etliche Menschen bleiben über Tage einfach zuhause. Die meisten Reaktionen sind bestimmt von Hilflosigkeit und Wut. Da wächst der Wunsch, sich an den wenigen Dingen festzuhalten, die so sind wie immer.

Sollte das Gospelchortreffen dazugehören? Sollten wir einfach so feiern wie geplant und das Programm so lassen, als sei nichts gewesen? Bestimmt nicht. Sollten wir das Festival ausfallen lassen, 300 Menschen absagen und das Wochenende zuhause verbringen? Wir kamen zu dem Entschluss, dass so niemandem geholfen wäre. Aber es galt, eine der Situation halbwegs angemessene Lösung zu finden.

So wurde das Programm geändert und den Ereignissen angepasst - "O happy day" würden wir dieses Jahr nicht singen, auch wenn es inhaltlich mit Vergebung und Gebet zu tun hat: Die Gefahr des Missverständnisses war einfach zu groß. Aus demselben Grund trennten wir uns noch von einigen anderen Liedern.

Auch im geplanten A Cappella Festival änderten die beteiligten Chöre ihr Repertoire. Die Moderation für das Open Air Abschluss-Konzert am Sonntagnachmittag wurde neu überdacht, und der Gottesdienst am Vormittag bekam auch eine ganz andere Wendung.


Freitag, der 14. September

Aus Berlin, aus Brandenburg und sogar aus Niedersachsen trafen die Chöre in Lehnin ein. Staunend stand jede/-r erstmal vor dem wunderschön renovierten Kloster-Komplex.


Das Klostergelände in Lehnin (Foto: Raimund Müller) Das Klostergelände in Lehnin (Foto: Raimund Müller)

Das Klostergelände in Lehnin (Fotos: Raimund Müller).



Da hatten sich Menschen viele Gedanken gemacht - vor vielen hundert Jahren und vor wenigen Jahren noch mal - und sie hatten etwas Wunderschönes geschaffen, über das zumindest ich mich drei Tage am Stück immer wieder freuen konnte. Zur Besinnung kommen und Schönheit erleben durch - liebevoll restaurierte - Architektur, das war eine der Erfahrungen, die ich von diesem Wochenende mit nach Haue genommen habe.

Etwas profaner, aber genauso großartig war das Abendbrot-Büffet, das auf uns wartete. Als berufstätige Familienfrau kann ich mich nicht oft völlig entspannt an einen gedeckten Tisch setzen. Hier konnt' ich's - und ich hab's genossen :o)

Anmelde-Formalitäten erledigen, Zimmer-, Quartier- und Isomattenplatzsuche meistern, Verirrte einsammeln und Nachzügler antreiben - mit der vertrauten halben Stunde Verspätung begann die erste Probe. Zu Beginn erklärten wir noch mal für alle die Veränderungen, die das Festival aufgrund der aktuellen politischen Lage erfahren würde.

Aber es gab noch eine weitere Umstellung zu klären: Das Gospel-Ensemble 'Johnson Extension' aus New Orleans konnte aus mehreren Gründen nun doch nicht in Lehnin dabei sein. Das bedeutete, dass wir für die Workshops und die Teile des Konzertes am Sonntag, die diese Gruppe übernommen hätte, Ersatz finden mussten.


Sonnabend, der 15. September

Die Workshops und ihre Leitung konnten im Vorfeld geklärt und dank des kurzfristigen Einsatzes von Bettina Christ, Angi Domdey und Stephan Zebe auch gerettet werden. Nun galt es nur noch, einen Ersatz für die Konzert-Sets zu finden. Und so kam es zu der Gründung des sogenannten Advanced-Choir, dessen SängerInnen zwar am Ende des Festivals ob der vielen Zusatzproben heiser und auf dem Zahnfleisch nach Hause robbten, der aber letztlich allen viel Spaß gemacht und tolle Leistungen gebracht hat.


Christoph Zschunke (Foto: Raimund Müller) Stephan Zebe (Foto: Raimund Müller) Angi Domdey (Foto: Raimund Müller)


Die musikalischen Leiter des 5. Gospelchortreffens (v.l.n.r.): Christoph Zschunke, Stephan Zebe, Angi Domdey (Fotos: Raimund Müller).



So lief der Sonnabend durch Workshops, Proben und Pausen direkt auf den ersten Höhepunkt des Wochenendes zu: Das A Cappella Festival. Während der Planungen hatten wir uns überlegt, dass wir in einer gotischen Langschiffkirche mit acht (!) Sekunden Nachhall mit dem ersten Schlag auf ein Schlagzeug verloren hätten. So entstand die Idee eines A Cappella Festivals, bei dem die beteiligten Chöre ohne Bands, höchstens mit Klavierbegleitung, mit drei bis vier Stücken aus ihrem Repertoire auftreten konnten.

Das so entstehende Konzertprogramm bestand fast ausschließlich aus Spirituals, aber die bekamen durch diese Art des Vortrages eine Eindringlichkeit und Transparenz wie sonst eher selten. Auch wenn ich einen Chor leite (Anm. d. Red.: Joyful Noise aus Zehlendorf), der in erster Linie Contemporary Gospel macht, berührt es mich immer wieder sehr, an die bad news, die Ursprünge dieser Musik, geführt zu werden. Abendessen, noch 'ne Probe, noch 'ne Advanced-Choir-Probe und eine kurze Nacht - so schlitterte ich in den Sonntagmorgen.


CrossSing aus Göttingen (Foto: Raimund Müller) Gospelchor Luckenwalde (Foto: Raimund Müller)


Zwei Chöre beim A Cappella Festival: CrossSing aus Göttingen (l.) und der Gospelchor Luckenwalde (Fotos: Raimund Müller).



Sonntag, der 16. September

Und damit in einen Gottesdienst, der uns in aller Eindringlichkeit noch mal vor Augen führte, dass Rachewünsche für die vielen Opfer des Anschlags zwar eine verständliche Regung aber keine Lösung sein können. Sich mit zivilen Mitteln wehren, der Gewalt im eigenen Umfeld entgegentreten und als ChristInnen nicht den Mund halten, wenn jetzt Stammtisch-Parolen gedroschen werden: das sind unsere Aufgaben. Und nur so kann aus dem Traum von Versöhnung und Frieden Wirklichkeit werden.

Nachdenklich und ermutigt zugleich ging es auf den letzten Programmpunkt des Wochenendes zu: Das Open Air Konzert vor der Kirche. Die Band hatten wir vorsorglich schon mal unter einem Pavillon untergebracht; die Technik auch - so ganz trauten wir dem unschuldig blauen Himmel dann doch nicht... Der Vorteil an ChorsängerInnen ist, dass sie in der Regel abwaschbar sind, aber die Mikrofone nehmen eine Dusche meistens übel - also Tüten für den Ernstfall in der Hinterhand.

Und dann konnte es losgehen! Vor einem großen Publikum legten Mass Choir, Advanced Choir, Angi Domdey als überzeugende Solistin und eine fabelhafte All-Star-Band aus allen Ecken Berlins ein klasse Gospelkonzert hin, dass nur einmal vom Regen unterbrochen wurde. Die nachdenklichen Töne überwogen - aber vielleicht ist eines dadurch noch mal nachdrücklicher deutlich geworden:

Gott ist nicht nur wirklich in Zeiten, in denen das Leben sowieso schon nur aus Beat und Groove zu bestehen scheint und fast von selbst läuft. Jesus hat uns versprochen, dass er immer bei uns sein will, auch und gerade, wenn es hart wird. Das Osterlied "Give him Glory" haben wir nicht gesungen. Aber "You've got a friend in Jesus" ist eine Zusage, die es auch in dunklen Zeiten immer wieder Ostern werden lässt.




Abschlusskonzert des 5. Berlin-Brandenburger Gospelchortreffens vor der Klosterkirche Lehnin (Fotos: Raimund Müller).



Ein privates Video vom 5. Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen kann unter folgender E-Mail-Adresse bestellt werden: Rolf.Strohbusch@web.de Rolf.Strohbusch@web.de


Rückblick: Bericht vom 4. Gospelchortreffen 2000 in Berlin >>

Das Berlin-Brandenburger Gospelchortreffen hat eine eigene Website: www.gospelchortreffen.de



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